Gemuh. Geschlechtergerechtigkeit ganz praktisch:

Warum alle mit dem Kauf dieses Buches dazu beitragen.

Wie können wir mit diesem Buch etwas Gutes bewirken – über die vielen wichtigen Botschaften, die es liefert, hinaus? Diese Frage haben wir uns schon bald, nachdem wir zu schreiben begonnen hatten, gestellt, und wir sind zu dem Ergebnis gekommen: Wir möchten damit eine Frau unterstützen, die aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen musste, und dazu beitragen, ihr Zukunftsmöglichkeiten zu eröffnen. Wir haben dieses Bedürfnis im Futurewoman-Netzwerk platziert und wurden mit Gemuh Odette Ngum vernetzt.

Als ich (Janine) Gemuh in Köln zum Interview treffe und wir uns gerade hinsetzen wollen, ruft ihre Mutter aus Kamerun an. Gemuh erzählt mir später, dass die Verbindung zu ihrer Mutter sehr eng sei, dass sie mehrmals täglich telefonierten und sich gegenseitig sehr vermissten. Gemuh ist eine fröhliche junge Frau, sie strahlt, sie lacht viel. Aber was sie erzählt, ist traurig und bedrückend. Und es ist eine von hunderttausenden Geschichten, die der menschengemachte Klimawandel schreibt.

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Gemuh & Janine

Gemuh wächst in Kamerun auf mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Ihr Vater stirbt früh, sodass die Familie auf sich allein gestellt ist. Gemuhs Mutter besitzt Ackerland, und viele Jahre kann sie die Familie davon gut ernähren und die Kinder zur Schule und zur Ausbildung schicken. Sie bauen Mais, Bohnen, Kartoffeln und Wurzelgemüse an. Und wie das so ist in der Natur, passiert jedes Jahr das Gleiche. Im März wird gepflanzt und drei bis fünf Monate später geerntet.

Jahrzehnte geht das gut, aber in den letzten Jahren wird das Wetter unberechenbar. Starkregen und Hitzeperioden wechseln sich ab, zerstören die Felder und die Ernte. Die Familie von Gemuh kann immer weniger auf den Märkten verkaufen und hat immer weniger Geld zur Verfügung.

Eines Tages sagt Ndikum Scholasticia Mambo, Gemuhs Mutter: 

„Du musst hier weg. Das hier hat keine Zukunft. Geh nach Deutschland, geh studieren, und vielleicht kommst du eines Tages mit neuen  Erkenntnissen zurück.“

„Mir ist zuerst ganz schwer ums Herz geworden", erzählt Gemuh. „Ich wollte ja gar nicht weg von meiner Familie. Aber ich habe verstanden, dass ich meiner Mutter sehr dankbar sein muss für diese Möglichkeit und habe zugestimmt. Sie hat dann Geld für meine Reise zusammengekratzt. Einen Teil ihrer Ersparnisse, ein bisschen was konnte sie bei der Bank leihen und sie hat sogar etwas Ackerland verkauft.“

Im Oktober 2019 kommt Gemuh nach Deutschland. Neben dem Studium arbeitet sie in vielen Nebenjobs, um ihrer Mutter die Reisekosten zurückzuzahlen, für ihre eigenen Kosten in Deutschland aufzukommen und ab und an Geld nach Hause zu schicken, um so ihre Geschwister zu unterstützen.

Ich frage Gemuh, wie die Situation der Frauen und Mädchen in ihrer Heimat ist, und bei ihrer Antwort wird klar: Dass sie so viel Unterstützung von ihrer Mutter erfährt und sogar studieren kann, ist die absolute Ausnahme.

 

„In meiner Heimat arbeiten die meisten Frauen in der Landwirtschaft. Wenn du also finanziell abhängig bist von der Landwirtschaft und dann zerstört der Klimawandel immer wieder deine Ernte, was soll man da machen?“
 

„Vielen Frauen gehört nicht einmal das Land, auf dem sie Ackerbau betreiben. Das heißt, ihnen bricht die Ernte weg, die Pacht für das Land müssen sie aber trotzdem zahlen. Oft sind es Witwen und Alleinerziehende. Und die kommen dann in die schlimme Situation, dass sie ihre Kinder arbeiten schicken müssen, um klarzukommen, oder die Kinder sogar verheiraten oder verkaufen. Das ist an sich schon schlimm genug. Aber diese Kinder, häufig die Mädchen an erster Stelle, können dann auch nicht zur Schule gehen und haben keine Chancen auf ein besseres Leben, weil ihnen die Bildung fehlt. Das ist ein schrecklicher Kreislauf, der aufhören muss.“

„Wenn du dir deine Zukunft vorstellst, wie sieht die dann aus?“, frage ich Gemuh. „Was würdest du mit, sagen wir mal, 5000 Euro tun, wenn wir die zusammen bekommen?“

Diese 29-jährige Frau, die da vor mir sitzt, antwortet sofort, mit voller Leidenschaft und einem Glänzen in den Augen:

„Ich hätte wirklich gerne eine Farm. Ich glaube an den Boden, an die Natur, ich liebe es, Pflanzen wachsen zu sehen. Ich träume davon, moderne und nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Keine Monokulturen, dem Einsatz von Pflanzen, die besser mit den neuen klimatischen Bedingungen umgehen können, und von vielen digitalen Möglichkeiten, um weniger Ressourcen zu verbrauchen.“

 

Ich verabschiede mich von Gemuh mit dem guten Gefühl, dass wir Futurewomen das ermöglichen können. Es braucht mehr globale Empathie. Und das mit der Empathie haben wir ja erwiesenermaßen drauf.