Natascha Hoffner

Empfindsamkeit wird in der Arbeitswelt von morgen eine zentrale Rolle in der Führung einnehmen.

Natascha Hoffner, Foto: Sung-Hee Seewald

Natascha Hoffner will, dass Frauen Karriere machen können. Wenn sie wollen. Sie ist Gründerin der herCAREER, eine der wichtigsten Plattformen für Frauen im beruflichen Kontext – mit eigener Expo und verschiedenen Matching-Angeboten. Dass Frauen scheinbar Unmögliches schaffen können, beweist sie immer wieder selbst. Als eines von vier Kindern wächst sie bei ihrer alleinerziehenden Mama auf und verlässt die Schule zunächst mit einem Hauptschulabschluss. Natascha hat einen Hang zu Technik, will eigentlich Fahrzeug-Design studieren. Sie kämpft sich über den Werkrealschulabschluss bis zum technischen Abitur. Studium funktioniert dann erst mal nicht, weil sie mit 18 auszieht und Geld verdienen muss. Sie beginnt bei einem Messeveranstalter in Mannheim die Ausbildung zur Bürokauffrau. Und macht steile Karriere: vom Azubi in die Geschäftsführung in 7 Jahren. Aber dann verändert sich die Konstellation in der Geschäftsführung. Natascha wird in kurzer Zeit zweifache Mutter und kann nicht mehr auf die vorherige Position zurückkehren. Sie springt ins kalte Wasser und gründet.


Ein Gespräch über Frauenstärken.


Janine Steeger:

Liebe Natascha, Du hast beruflich unzählige Gespräche mit Frauen zum Thema Karriere geführt. Mit diesem großen Fundus und Erfahrungsschatz kannst Du auf unsere Thesen blicken. Eine davon lautet: Frauen denken in komplexeren Zusammenhängen und mit mehr Weitsicht. Was sagst Du dazu?


Natascha Hoffner:

Ich kann diese These aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen nur bestätigen. Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, habe ich erst mal nicht daran gedacht, was das jetzt für mich und meinen Körper bedeutet. Es ging direkt um ganz viele organisatorische Fragen. Ziehe ich jetzt zu meinem Mann? Bleibe ich dann die nächsten zwei Jahre zu Hause? Suche ich mir danach einen Teilzeitjob? Frauen denken immer schon 25 Schritte weiter.

Beruflich ist das für mich ein großer Vorteil. Wenn man so ein komplexes Konstrukt wie eine Messe aufbaut, muss man sich ständig fragen: Wie denken wir das Ganze weiter, nachhaltiger, anders? Was funktioniert bei anderen, was können wir adaptieren …? Mit Weitsicht zu handeln ist überall im Unternehmertum relevant. Das ist ja auch das Spannende daran. Dazu gehört auch ein gewisses Urvertrauen, dass man nach genauer Abwägung schon richtig entscheiden wird, oder dass es auch dann weitergeht, wenn man mal scheitert.


Janine Steeger:

Und wenn’s mal doof läuft, dann muss man kreativ werden. Auch eine der Stärken, die wir bei Frauen öfter sehen …


Natascha Hoffner:

Absolut. Kreativität ist nicht zwangsläufig etwas Künstlerisches. Es geht um die Fähigkeit, um die Ecke zu denken, Dinge zu hinterfragen und zu verändern – und das brauchen wir für ganz viele Prozesse. Mir ist beispielsweise sehr wichtig, dass auf der herCAREER-Expo die Frauen auf C-Level und andere prominente Role Models nicht unter sich bleiben, sondern dass junge Frauen mit ihnen Kontakte knüpfen können. Was haben wir gemacht? Mit Flixbus gesprochen und kooperiert. Einen Netzwerkabend aufgebaut, bei dem Table Captains sich mit Frauen jeder Hierarchiestufe austauschen. Eine Matchingplattform entwickelt, auf der Frauen sich nach Interessen und Fähigkeiten verabreden können. Das ist eine Form von Kreativität, die man üben kann.


Janine Steeger:

Auch Krisen lassen uns ja kreativ werden …


Natascha Hoffner:

Solange Du keine Existenzängste hast. Aber dagegen hilft oft der Austausch mit anderen. Und dann sind Krisen super Treiber für Kreativität. Es muss nicht immer eine ausgewachsene Krise sein, manchmal reicht auch, dass es ein Problem zu lösen gilt. Wir standen mit der herCAREER zum Beispiel vor folgender Herausforderung: Studien belegen, dass Frauen im Vergleich zu Männern Stellenanzeigen völlig anders lesen und sich erst bewerben, wenn sie glauben, dass sie alle geforderten Fähigkeiten fast hundertprozentig erfüllen. Wir haben uns gefragt, was wir dagegen tun können. Eine klassische Jobbörse hätte das Problem nicht gelöst. Deshalb haben wir ein neues Match-Making-System fürs Recruiting entwickelt, das so ähnlich funktioniert wie eine Partnerbörse.


Janine Steeger:

Du hast durch Deinen Beruf enorm viel über Karriereentwicklung gelernt. Was ist Deine Einschätzung: Welche Skills werden in Zukunft für gute Führung wichtig sein?


Natascha Hoffner:

Generell nimmt die Bedeutung von Erfahrungswissen ab. Das hat mit der Digitalisierung und der rasanten Taktung von Veränderungen zu tun. Führung sollte Mitarbeitende dazu befähigen, die großen sozialen und klimatischen Veränderungen zu bewältigen. Dafür braucht es eine Art Studium generale – auch für Führungskräfte. Ein Grundverständnis von Technik gehört dazu. Außerdem kommt es viel stärker auf Empathie und Kommunikationsfähigkeit an. Um Stimmungen wahrzunehmen und aktiv damit umgehen zu können.


Janine Steeger:

Das passt zu unserer These „Stärke durch Vulnerabilität“. Empfindsamkeit wird unerlässlich sein.


Natascha Hoffner:

Die Pandemie hat uns Führungskräfte enorm gefordert. Plötzlich mussten wir Schwingungen über die Distanz erspüren. Wenn alle im Homeoffice sind, wird das ja noch schwieriger. Und je digitaler und flexibler unsere Arbeitswelt wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit, auch ohne persönlichen Kontakt vor Ort zu erkennen, was gerade nicht gut läuft.


Janine Steeger:

Frauen sind leidensfähig und zäh …


Natascha Hoffner:

Ja, sind sie. Aber manchmal übertreiben sie’s auch. Viele Frauen nehmen sehr, sehr viel auf sich. Und ich sage: Warum? Das können wir uns doch teilen! Also zumindest als Paar. Ich spreche nicht von Alleinerziehenden. Wir müssen lernen Dinge abzugeben und Unterstützung einzufordern. Wir sollten nicht glauben, dass wir alles besser können und selbst ran müssen. Das heißt auch, es einfach mal laufen lassen, selbst wenn unsere Partner nicht alles so machen wie wir.


Janine Steeger:

Auch an dieser Stelle hilft ja Ordnung. Schaffen Frauen Ordnung?


Natascha Hoffner:

Für mich ist Ordnung schaffen klare Kommunikation. Nicht rumeiern, klare Verhältnisse herstellen, sagen, was ist. Im klassischen Sinne von Ordnung bin ich eher eine Chaotin. Aber ich spreche Dinge an. Mitarbeitende sagen über mich: Du bist ehrlich, aber fair. Wir müssen doch sagen, wo es hakt. Sonst ändert sich nichts.


Ordnung hat für mich auch mit Kopfarbeit zu tun. Gedanklich ordnet sich vieles, wenn ich die Möglichkeit habe, in den Austausch mit Menschen zu kommen. Wenn ich sie verstehe und lerne wo ihre Herausforderungen liegen, so dass ich ihnen bestenfalls weiterhelfen kann.


Janine Steeger:

Was brauchen wir am dringendsten, damit Frauen die Welt retten können?


Natascha Hoffner:

Wir können die Welt nur gemeinsam retten, Frauen, Männer und andere Geschlechter, alle zusammen. Der Untertitel Eures Buches – „Warum Männer dabei unverzichtbar sind“ – ist deshalb wesentlich. Denn Männer profitieren heute noch oft von den Machtstrukturen. Hier sollten wir den Hebel ansetzen: Männer sind dabei in der Verantwortung. Auch sie brauchen die „Superpower Empathie“ und dürfen sich nicht mit Sprüchen herausreden können wie: Frauen müssen halt besser verhandeln und sich durchkämpfen.


Damit niemand benachteiligt wird, müssen wir unser System, unsere Regeln und geschriebenen wie ungeschriebenen Gesetze hinterfragen: Was können wir tun, damit Frauen gleichberechtigt an Gesprächen in der Politik, in der Wirtschaft und in der Wissenschaft beteiligt sind? Solange nicht alle Menschen den gleichen Zugang zu Kapital, Bildung, Karriere und fairem Einkommen haben, sollten wir alle Kräfte bündeln, um das zu ändern.


 

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