Louisa Dellert

Komplexes Denken mit Weitsicht – insbesondere für Nachhaltigkeit ist das unabdingbar.

Louisa Dellert, Foto: Bettina Theuerkauf

Louisa Dellert. Es ist eigentlich unfassbar krass, was für eine Entwicklung diese junge Frau durchgemacht hat und wie viel auch ich davon mitbekommen konnte, weil wir uns irgendwann vor einigen Jahren getroffen haben in dieser Nachhaltigkeitsszene.


Ihre große Karriere als Influencerin beginnt Louisa als Fitnessmodel. Super schlank, super trainiert, ein bisschen im Wahn, wie viele ihrer Kolleg*innen. Dann hat sie ein einschneidendes Erlebnis: Eine notwendige und mit Risiko behaftete Herz-OP – die alles verändern wird. Louisa kommt „back to earth“. Ihr wird klar, dass es Wichtigeres gibt im Leben als Size Zero. Und neben der Selbstliebe, die fortan ein wichtiges Thema sein wird, kommt auch die Liebe zur Natur, zur unmittelbaren Umwelt dazu. Louisa wird Influencerin zum Thema Nachhaltigkeit. Inzwischen nennt man das Sinnfluencerin. Aber: So viel sie dort auch erreichen kann (vor allem irre viele Menschen), so sehr stellt sie Social Media immer mehr in Frage. Sie will weiterkommen, sich weiterbilden. Influencerin mag sie nicht mehr genannt werden. Inzwischen arbeitet sie als Beraterin für große Unternehmen, als Moderatorin diverser Podcasts und Sendungen und will jetzt noch mal nachlegen: Ein Studium, eine Weiterbildung im Nachhaltigkeitsbereich soll es werden.


Als ich Louisa zum Zoom-Call treffen, ist es Louisa gleich zu Beginn wichtig klarzustellen: Alles, was sie sagen wird, geht nicht gegen Männer. Die können all das, was wir unter dem Stichwort weibliche Stärken besprechen werden, auch anwenden und machen es auch total oft schon. Vor allem in ihrer Generation und in ihrer Bubble, wie wir die Gruppen, in denen wir uns überwiegend bewegen, inzwischen ja ständig nennen. Wer ist denn eigentlich Deine Bubble, frage ich sie zu Beginn.


Louisa Dellert:

Wenn ich es definieren müsste, also meine Zielgruppe auf Instagram ist zu 99 Prozent weiblich und irgendwas zwischen Gen Y und Gen Z. Die meisten sind zwischen 21 und 35 Jahre alt. Und die interessieren sich schon alle für aktuelle, gesellschaftliche Themen.


Janine Steeger:

Wie würdest Du das, was Du beruflich machst, selbst bezeichnen?


Louisa Dellert:

Ich würde sagen: Hey, ich bin Lou, ich bin Unternehmerin. Ich habe einen Onlineshop für ein nachhaltiges Leben und stehe seit 2013 in der Öffentlichkeit und spreche über Themen wie Nachhaltigkeit und Politik.


Janine Steeger:

Auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit spielt bei Dir eine große Rolle. Wie ist bei diesem Thema die Lage der Nation?


Louisa Dellert:

Ich glaube, das ist noch ein Weg zu gehen. Aber ich lege sehr viel Wert darauf, die Männer abzuholen bei dem Thema. Und ich sehe, dass das gut ankommt. Also bei den Männern. Bei manchen Feministinnen nicht so. Aber es ist wichtig den Männern kein Schuldgefühl zu vermitteln, und sie als schlecht darzustellen. Da würden wir uns umgekehrt auch nicht abgeholt fühlen. Sie müssen Teil des Prozesses werden und Spaß an der Veränderung haben.


Janine Steeger: Das haben wir im Hinterkopf bei allem, was Du sagen wirst. Und das finde ich auch gut und wichtig, dass Du das so deutlich machst. Dann lass uns über die erste These sprechen: Frauen denken in komplexeren Zusammenhängen und mit mehr Weitsicht.


Louisa Dellert:

Bei der Klimakrise, mit der ich mich ja stark beschäftige, ist es ja erst mal wichtig zu verstehen, wie komplex die eigentlich ist. Und das fällt mir auch oft super schwer, und funktioniert nur, indem ich mich ständig belese zum Thema und mit Menschen darüber spreche. Und das ist im Unternehmenszusammenhang, aber auch im Alltag super wichtig, diese Eigenschaft mitzubringen. Denn nur mit dieser Weitsicht können wir nachhaltig und auf lange Zeit wirklich etwas verändern. Ich würde jetzt nicht von mir behaupten, dass ich das besser kann als mein Freund. Aber trotzdem merke ich, dass ich einfach immer sehr weit denke, gerne auch schon mal drei Jahre im voraus. Und es gibt Leute in meinem Umfeld, die sagen dann: Jetzt übertreib mal nicht, mach erst mal die nächste Woche und dann sehen wir weiter. Aber so bin ich nicht. Und besonders beim Thema Klima geht es auch nur so.


Janine Steeger:

Und vermutlich ist das Zusammenspiel besonders erfolgreich. Die Person, die einfach drauf losrennt, nur bis nächste Woche plant und die Person, die eben mit mehr Weitsicht rangeht.


Louisa Dellert:

Ja, weil das führt dann zum Mittelweg und der führt uns zum Ziel.


Janine Steeger:

Frauen sind Kümmernde, gerade in Krisen ist unsere nächste These. Was fällt Dir dazu ein?


Louisa Dellert:

Da habe ich aus der bisherigen Erfahrung, auch in der Zusammenarbeit mit vielen Leuten, schon das Gefühl, dass Frauen das mit dem Kümmern eher als Stärke für sich verbuchen können. Das kannst Du beispielsweise bei einem Event sehr gut beobachten. Frauen sind da ständig getrieben von der Frage: Geht’s jetzt allen gut? Sind alle versorgt? Aber auch im Geschäftsalltag kommen da schnell mal Fragen auf wie: Wie geht’s eigentlich den Praktikant*innen? Die sollen hier ja nicht nur daneben stehen dürfen. Was zahlen wir denen, was tun wir, damit die sich wohlfühlen? Männer können das bestimmt auch, aber die können das, glaube ich, auch leichter ausblenden im Beruflichen.


Und dieses Kümmern ist ja beispielsweise in Bezug auf das Thema Lieferketten super wichtig. Wer hat die einzelnen Teile meines Produktes hergestellt, unter welchen Bedingungen, was können wir tun, damit es den Menschen besser geht, die für uns arbeiten? Das werden ganz relevante Fragen der Zukunft sein.


Janine Steeger:

Dass Frauen verletzlicher sind und empfindsamer, das wird uns ja oft als Schwäche ausgelegt. Wie siehst Du das und empfindest Du Dich selbst auch als besonders emphatisch?


Louisa Dellert:

Also da würde ich behaupten, das habe ich ganz gut drauf. Und vielleicht auch ein bisschen besser, als Kollegen. Aber auch da glaube ich: Die Mischung macht’s halt. Manchmal schaue ich dann vielleicht auch zu genau hin oder frage nach. Wir sollten aber auch nicht alles zerreden. Manchmal fühlen sich auch alle toll und wollen einfach feiern. Das ist dann auch okay.


Janine Steeger:

Gibt es ganz konkrete Beispiele, wo Du selbst die Empathie von Frauen spürst?


Louisa Dellert:

Ich habe kürzlich einen LinkedIn Post zur Deutschen Bahn gemacht. Von, ich würde sagen nahezu 100 Prozent der Frauen, kam absolute Zustimmung und eben Empathie. „Ich kann das total nachvollziehen, wie das stresst. Und vielleicht will man auch einfach mal spontan in den Urlaub und dann geht das schief, da flippt man mit drei Kindern auch aus…“ So halt. Und von vielen Männern kam direkt die Reaktion: „Also Frau Dellert, dann verstehen sie aber die Zusammenhänge nicht. Die Bahn muss, trotz manchmal schlechter Leistung, die Preise erhöhen, das nennt man Inflation…“ Also auch direkt dieses Belehrende. So ticken die Menschen aber nicht. Diejenigen, die die Bahn als Alternative nutzen sollen und wollen, die erwarten, dass es funktioniert und die bessere Alternative ist. Die interessieren sich nicht für Hintergründe. Ich spiegele in diesem Moment nur die Denke der Verbraucher*innen und werde dafür von Männern als ein bisschen naiv dargestellt.


Janine Steeger:

Die These „Frauen sind leidensfähig und zäh“ hat sich ebenfalls bestätigt in unserer Studie. Viele Frauen, die schon Kinder haben, haben auch direkt das Bild der Geburt vor Augen und dazu den Gedanken: Männer würden das nicht aushalten. Insofern muss das stimmen. Du hast noch keine Kinder. Insofern besonders spannend zu hören, was Du dazu sagst.


Louisa Dellert:

Aus meinem Umfeld würde ich das bestätigen. Gerade in Extremsituationen, in denen man auch Leid verspürt oder gerade voll confused oder am Ende ist, da kriegen Frauen das klarer hin die Situation einzuordnen und die nächsten Schritte dementsprechend anzugehen. Erst mal das Emotionale zur Seite schieben und zu gucken, wo es lang geht. Auf der anderen Seite müssten Männer das ja auch gut können, weil sie eben weniger empathisch, weniger emotional sind und dann in solchen Momenten eher rational denken.


Janine Steeger:

Also, gute Erkenntnis: Wir sind emotionaler und sollten das mehr nutzen als Stärke. Aber im entscheidenden Moment können wir die Emotionalität hinten anstellen und erst mal für Ordnung im Kopf und in der Sache sorgen.


Louisa Dellert:

Aber Fun-Fact: Wir reden ja oft darüber, dass Männer so viel jammernder unterwegs sind, schon beim kleinsten Schnupfen. Und ich habe das letztens auch zu meinem Freund gesagt, da habe ich auch diesen „Männergrippe-Spruch“ gemacht. Und er hat mich dann auf den Pott gesetzt und geantwortet: Ganz ehrlich Lou, Du plädierst immer dafür, dass wir voll auf Augenhöhe und gleichberechtigt agieren und miteinander leben. Dann lass mich doch einfach mal rumheulen, wenn ich das gerade brauche. Warum kommt dann gleich ein Kommentar? Lass mir doch meine Grippe.

Und er hat recht. Das ist einer der Auslöser dafür, dass mir das so schwer fällt, über die Unterschiede von Mann und Frau zu sprechen. Wir müssen uns ja klar machen: Auch ich habe ein Bild von einem Mann, wie der sein sollte, was er für Eigenschaften mitbringen sollte. Ich habe Ansprüche und eine Erwartungshaltung. Und das gehört auch dazu die zu reflektieren, wenn wir über Gleichberechtigung sprechen.


Janine Steeger:

Hast Du denn schon mal Situationen erlebt, wo Du explizit als Frau das Gefühl hattest von Männer nicht ernst genommen zu werden?


Louisa Dellert:

Ja, es gab einen Augenöffner-Moment. Ich saß gemeinsam mit Philipp Amthor auf einem Panel der Jungen Union. Ich war quasi als Ökotante eingeladen. Im Publikum saßen nahezu nur Männer und immer, wenn Philipp etwas gesagt hat, wurde zustimmend laut gegrölt. Dann sind wir irgendwann zum Tempolimit gekommen. Philipp hat sich natürlich klar dagegen positioniert. (Anmerkung: Philipp Amthor musste gerade wegen Rasen seinen Führerschein für einen Monat abgeben.) Und ich habe dann angefangen zu erzählen, warum ich glaube, dass ein Tempolimit sinnvoll ist und habe einige Punkte dafür angeführt.


Im Publikum brach das Gelächter los und alle haben sich plötzlich untereinander unterhalten. Voll respektlos mir gegenüber. Ich war schockiert aber auch mega wütend und bin dann mit dem Mikrofon ins Publikum gestapft, habe den grölenden Männern in der ersten Reihe das Mikrofon hingehalten und gefragt, ob Sie was zu sagen haben. Und dass Sie dann doch bitte nach vorne kommen mögen und es ins Mikrofon sagen sollen. Dann war erst mal Stille und betretenes Schweigen.


Janine Steeger:

Zu Recht. Du hast denen ja den Spiegel vorgehalten und gezeigt, dass das einfach schlechtes Verhalten ist.


Louisa Dellert:

Später ist einer der Männer zu mir gekommen und hat sich entschuldigt. Er hat glaube ich gecheckt, dass das scheiße war. Für mich hat sich das aber nicht nach einer Entschuldigung angefühlt, weil ich glaube, er hat das Problem nicht verstanden.


Janine Steeger:

Du bist ja sehr viel mit Politiker*innen im Gespräch – aller Parteien übrigens. Was würde es bringen, wenn die Parteien, die noch sehr wenig Frauen an der Spitze haben, das ändern?


Louisa Dellert:

Das bringt schon mal zum einen, dass die Sicht der Frauen einfach Gehör findet und Platz bekommt. So ein reiner Männerschuppen versteht ja gar nicht, wie Frauen denken und fühlen. Wenn wir nur an das Thema Abtreibung denken. Und natürlich braucht es hier mehr Frauen, die mitdiskutieren und entscheiden. Ich möchte an dieser Stelle aber noch mal explizit sagen: Wir brauchen nicht nur mehr Frauen, wir brauchen viel mehr Diversität, unterschiedlichste Blickwinkel. Wir müssen über Inklusion und Migration sprechen, genauso wie über die Wichtigkeit von Handwerk, neben Akademiker*innen. Es müssen mehr Lebensrealitäten abgebildet werden in der Politik.


Janine Steeger:

Lass uns noch mal übers Handwerk sprechen. Du kommst aus einer Handwerksfamilie …


Louisa Dellert:

Ja, mein Papa hat einen Dachdecker-Betrieb und meine Oma auch. Und ich kann Dir sagen, ich habe viel mitgeholfen bei meinem Vater in den Sommerferien aufm Dach. Aber da kommen wir Frauen schon körperlich an unsere Grenzen. Wenn ich das öffentlich sage, nimmt die Feministinnen-Bubble mir das übel. Aber es ist die Wahrheit. Wir sind körperlich nicht zu allem in der Lage und darum geht’s auch nicht beim Feminismus.

Aber grundsätzlich ist es so, dass wir beim Handwerk immer noch an Handwerker und sehr viel seltener an Handwerker*innen denken. Und das muss sich dringend ändern.


Janine Steeger:

Da bist Du mit Dirk Steffens (und mit mir) einer Meinung. Ich bin ja Tochter eines Baustoffhändlers. Und bestimmte Dinge schaffe ich rein körperlich nicht und es hat auch nichts mit Feminismus zu tun, dass alle, alles machen müssen.


Lass uns über Ordnung sprechen. Im Handwerk auch ganz wichtig. Unsere Studie hat bestätigt: Frauen schaffen Ordnung und räumen auf.


Louisa Dellert:

Also wenn ich an Ordnung schaffen und aufräumen denke, hab ich erst mal meinen Papa im Kopf. Der steckt voller toller Ideen und ich sortiere den Wust, der aus seinem Kopf kommt. Er macht schon ewig Photovoltaik, will aber jetzt auch eine neue Website mit seinen Angeboten und muss ich komplett neu aufstellen. Und ich bin da jetzt mit reingegangen und strukturiere das Ganze. Und ich merke auch, dass ich da nicht nur kurzfristige, sondern langfristige Struktur reinbringe. Weil ich ihm ganz viele langfristige Fragen stelle: Woher kommen die Module? Welche Garantien haben sie? Da sind wir wieder bei Eurer ersten These ….


Janine Steeger:

Du hast ja gerade Dein zweites Buch veröffentlicht – übrigens direkt zum Bestseller geworden. Es trägt den Titel: „Wir – weil nicht egal sein darf, was morgen ist.“ Was brauchen wir aus Deiner Sicht für eine echte Transformation dieser Gesellschaft?


Louisa Dellert:

Was ich mir wünsche und wovon ich glaube, dass wir es dringend brauchen, ist ein transparenter und konstruktiver Umgang mit Fehlerkultur. Weil wir in den nächsten Jahren sicher noch oft erkennen werden, dass wir möglicherweise Fehler gemacht haben. Das erfordert so viel Mut von uns allen zu sagen: Als Privatperson, als Unternehmer*in habe ich einen Fehler gemacht. Ab sofort machen wir es anders. Das ist eine große Herausforderung.


Und von der Gesellschaft erhoffe ich mir, dass die Empörungskultur nachlässt und wir Fehler zulassen, als Lerneffekt.


Janine Steeger:

Können Frauen das besser? Dem Unperfekten eine Daseinsberchtigung zu geben, Fehler zu kommunizieren?


Louisa Dellert:

Ich glaube, dass das schon beide Geschlechter können. Ich denke, aber, dass Frauen vielleicht ein besseres Beispiel oder Vorbild abgeben und als solches vorangehen können. Auch, weil sie nicht so ein großes Ego haben. Bei aller Vorsicht hier nicht in Geschlechterrollen zu verfallen: Ja, wir brauchen mehr Frauen, die in diesem Land etwas zu sagen haben.

 

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