Nadine Schön

Wir brauchen mehr Frauen in der Union und insgesamt diverse Teams.

Nadine Schön, Foto: Tobias Koch

Nadine Schön gilt als Hoffnungsträgerin der CDU. Sie ist seit vielen Jahren Berufspolitikerin, ist stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, MdB und gehörte zum Team von Helge Braun bei dessen Kandidatur um den Parteivorsitz 2021. Und sie findet: Die CDU muss weiblicher werden. Und genau deshalb habe ich sie um ein Interview gebeten. Weil ich verstehen möchte, wie es Frauen in der Politik ergeht und was es bringen würde, wenn gerade die Konservativen Parteien über eine Frauenquote diskutieren würden.


Nadine Schön ist Digitalisierungsexpertin und so ist es besonders lustig, dass ich das Interview mit ihr führe, während ich bei Microsoft in München sitze, weil wir mitten in den Proben sind für eine Veranstaltung, die aufzeigt, wie wichtig Digitalisierung für die Nachhaltigkeit ist. Natürlich war es schwer, mit ihr einen Termin zu bekommen. Wir mussten auch mehrfach schieben. Denn der Terminkalender einer Politikerin ist komplett ausgereizt. Umso dankbarer bin ich, dass es trotzdem geklappt hat.


Janine Steeger:

Liebe Frau Schön, Sie haben wenig Zeit, deshalb komme ich gleich zu unseren Thesen und beginne damit, dass Frauen komplexer denken und mit mehr Weitsicht handeln. Würden Sie das bestätigen?


Nadine Schön:

Im privaten Bereich sieht man es ganz gut in Familien, in denen beide Partner berufstätig sind. Es hat sich mittlerweile schon gut etabliert, dass sich beide Partner gleichermaßen im Haushalt und bei der Kinderbetreuung einbringen. Unterschiede sieht man aber oft bei der „Mental Load“-Aufteilung. Damit meine ich die vielen Kleinigkeiten des Alltags, die organisiert werden müssen. Ein Beispiel ist die Organisation von Kindergeburtstagen mit allem, was dazu gehört. Was schenkt die Oma? Wie muss der Kuchen aussehen? Wie wird die Party? All diese Gedanken machen sich oft die Frauen.


Im politischen Bereich ist meine Erfahrung, dass wir Frauen eher begeisterungsfähig sind für die Themen mit Weitblick, zum Beispiel Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit. Immer, wenn es über das Tagesgeschäft hinaus geht, wenn wir über die großen Veränderungen sprechen und komplexe Zusammenhänge, dann sind Frauen sehr inspiriert und engagiert.


Janine Steeger:

Würden Sie sagen, dass Frauen sich mehr Kümmern, sich mehr sorgen, ob es allen gut geht?


Nadine Schön:

Ich denke, das Kümmernde ist schon sehr weiblich. Auch die Fähigkeit, aus dem Kümmern eine Gemeinschaft aufzubauen. Das sieht man auch im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Da hat man lange nicht so sehr auf die Frauen geschaut, zunehmend stehen aber genau sie mehr im Mittelpunkt. Auch, weil sie es sind, die es schaffen, in Regionen, die nach Kriegen und Katastrophen sehr zerrüttet sind, eine Community aufzubauen, die dann wiederum Familien und die Gemeinschaft stabilisiert.


Die UN-Resolution 1325 sagt: Frauen sind eben nicht nur die, die als Opfer in kriegerischen Auseinandersetzungen in den Blick genommen werden müssen sondern auch als diejenigen, die eine ganz wichtige Rolle bei der Bewältigung und der Verhütung von Konflikten sowie beim Wiederaufbau einnehmen. Frauen zu stärken, ist nachhaltig und wirkt sich auf die Stabilität und Resilienz einer Gesellschaft aus.


Janine Steeger:

Da muss ich direkt an die Trümmerfrauen nach dem zweiten Weltkrieg denken, die so viel wieder aufgebaut haben.


Lassen Sie uns über Ihren Job, über Politik sprechen. Wie ist es für Frauen in Deutschland in der Politik, welche Herausforderungen haben Sie?


Nadine Schön:

Frauen in der Politik haben die gleiche Arbeitsbelastung wie Männer: Frauen haben eine genauso hohe Termindichte, sind genauso oft im Dauerstress. Hinzu kommt – und das ist leider immer noch typisch weiblich – dass bei vielen Kolleginnen noch die Care-Arbeit zu Hause wartet. Das alles sind oft Hindernisse, weshalb sich Frauen nicht für ein politisches Amt bewerben.


Janine Steeger:

Sie haben sich deutlich dafür ausgesprochen, dass es in der Union mehr Frauen geben muss. Ist Ihnen das auch deshalb ein Anliegen, weil dann solche Themen mehr Beachtung finden würden?


Nadine Schön:

Ja natürlich. Aber es ist generell für jede politische Diskussion bereichernd, wenn sie aus verschiedenen Blickwinkeln geführt wird. Wir werden erfolgreicher sein, wenn wir diversere Teams haben. Und genau diese diversen Teams gilt es zu kreieren in der Union.


Janine Steeger:

Ich habe kürzlich den Film „Die Unbeugsamen“ gesehen. Ein Dokumentarfilm über die Frauen in der Bonner Republik, mit Ausschnitten von damals aus Sitzungen aus dem Bundestag und Interviews von heute mit den Frauen. Und es irre zu sehen, wie diese Politikerinnen kämpfen mussten, darum gehört zu werden, darum mitregieren zu können.


Nadine Schön:

Ich konnte den Film noch nicht schauen, aber ich habe einiges über diese Zeit gelesen und mir dabei auch ständig gedacht: Wahnsinn, wie mutig diese Frauen waren. Viel mutiger als wir heute. Ich empfinde tiefe Bewunderung dafür, was die ersten Politikerinnen alles geleistet haben! Diese Pionierarbeit müssen wir heute nicht mehr abliefern. Starre Rollenbilder sind durchlässiger geworden. Auch die Männer haben sich verändert. Paare wollen heute gleichberechtigt leben. Das macht es leichter. Aber es bleibt auch immer noch viel zu tun.


Janine Steeger:

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass es der Union gut getan hat, dass sie so lange eine Frau als Vorsitzende hatte. Wie haben Sie das gemeint?


Nadine Schön:

Als Angela Merkel Parteivorsitzende wurde, hat sich das Bild der CDU in der Öffentlichkeit gewandelt. Die CDU wurde fortan mit einer Frau assoziiert. Mädchen wachsen heute mit dem Selbstverständnis auf: Natürlich kann ich in Deutschland Bundeskanzlerin werden. Und ganz grundsätzlich hat Angela Merkel auch mit ihrer pragmatischen Herangehensweise überzeugt. Ich finde, das ist schon auch etwas sehr weibliches.


Janine Steeger:

Das tangiert auch schon unsere These, dass Frauen aufräumen und Ordnung schaffen. Eine wichtige Eigenschaft in der Politik, oder?


Nadine Schön:

Wenn wir Ordnung schaffen in dem Sinne verstehen, sich einen Überblick zu verschaffen, sich ein Team aufzustellen, um eine Strategie zu planen, ja. Und da ist Annegret Kramp-Karrenbauer mein persönliches Role-Model. Die macht das genau so. Sie schaut sich erst mal den Sachverhalt in Gänze an, mit allen komplexen Verästelungen. Auch Meinungen holt sie ein. Und dann gibt es ein Ziel und eine Strategie, wie das Ziel erreicht werden soll. Auf dem Weg dahin wird auch noch ständig kommuniziert, so dass sich alle abgeholt fühlen.


Janine Steeger: Das ist interessant, weil es auch auf unsere erste These einzahlt, dass Frauen komplexer denken und mit mehr Weitsicht agieren. Eine andere These bescheinigt uns leidensfähig und zäh zu sein. Wie leidensfähig und zäh müssen Frauen in der Politik sein?


Nadine Schön:

Sehr. Das liegt alleine schon daran, dass ich glaube, dass die Arbeitsbelastung für Frauen in der Politik größer ist. Meine These ist, dass die Partnerinnen von männlichen Abgeordneten in der Mehrheit zwischen 0 und 60 Prozent arbeiten gehen. Weibliche Abgeordnete hingegen sind entweder alleinerziehend oder haben Partner, die zwischen 50 und 100 Prozent – mit einer klaren Tendenz zu 100 – arbeiten. Ich habe das noch nicht verifizieren können, aber aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen bekommt man ja ein gutes Gefühl dafür. Und das macht natürlich einen Unterschied.


Janine Steeger:

Würde bedeuten, dass es bessere Unterstützungsangebote für Frauen braucht, damit sie sich Luft verschaffen können. Übrigens auch eine klare Forderung von Dr. Karella Easwaran im Interview, das ich hier mit ihr geführt habe. Und wenn wir diese Vielfachbelastung gewuppt bekommen wollen, müssen wir oft auch kreativ werden. Wann müssen sie in der Politik kreativ werden, um Ihre Ziele zu erreichen?


Nadine Schön:

Ständig. Ich mache ja von Anfang an Digitalpolitik. Als ich in den Bundestag eingezogen bin, war das noch ein Exotenthema. Das hat sich mittlerweile geändert. Was bleibt, ist, dass wir Digitalpolitiker immer wieder Themen platzieren, die neu und disruptiv sind. Da geht es zum Beispiel um Blockchain, KI, Open Social Innovation, neue Partizipation und Prozessoptimierung in der Politik. Das ist schon alles sehr neu und speziell. Und da steckt natürlich auch ganz viel Umbruch und Veränderung drin. In Krisen wird vieles davon plötzlich zugänglicher, vorstellbarer. In Krisen machen wir Sprünge, die vorher eine lange Entwicklungszeit gebraucht hätten. Ich werbe dafür, dass wir generell mutiger werden. Denn klar ist: Nur so funktioniert Zukunft. Nur wenn wir bereit sind, neue Wege auszuprobieren und Veränderung möglich machen, können wir uns weiterentwickeln.

 

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