Verena Pausder

Frauen absolvieren ein soziales Leben, anstatt ein soziales Jahr. Wir müssen das Kümmern, das ›Sich-verantwortlich-Fühlen‹ endlich als Stärke erkennen, die anständig entlohnt wird.


Verena Pausder, Foto: Patrycia Lukas

Endlich eine Frau, die Tacheles redet zum Thema Digitalisierung in der Bildung! Das war mein erster Gedanke, als Verena Pausder zu Beginn der Pandemie immer wieder in Talkshows auftauchte. Großartig. Mut machend. Authentisch und selbstbewusst. Natürlich habe ich sie zum Interview angefragt und bin glücklich und froh über die Zusage.


Verena Pausder ist Unternehmerin, Expertin für digitale Bildung und mehrfache Gründerin. Sie hat den (Spiegel-)Bestseller „Das Neue Land“ geschrieben, in dem sie mutig und konsequent eine Skizze der Zukunft entwickelt. Als wir uns zum Zoom-Meeting treffen, ist sie aus dem Homeoffice zugeschaltet. Alles sieht perfekt aus. Sie selbst, der Raum. Aber in Wirklichkeit ist der Tag chaotisch. Es gab einen familiären Notfall. Als Sahnehäubchen oben drauf, ist bei einem ihrer Söhne spontan die Schule ausgefallen. Trotzdem will sie sich die Zeit nehmen für unser Gespräch, weil sie nicht weiß, wann es sonst klappen soll. Und so nutzen wir die Situation, um über These eins zu sprechen: Frauen denken komplexer und mit mehr Weitsicht.


Verena Pausder:

Wenn mein Mann und ich, wie heute, ganz kurzfristig erfahren: Schule fällt aus, dann triggert das bei mir halt nicht nur: Wer betreut den denn heute? Sondern ich frage mich auch: Was isst er zu Mittag? Wie verhindern wir, dass er fünf Stunden YouTube guckt? Wie kommt er später zum Basketball, das normalerweise direkt neben der Schule stattfindet. Das ist jetzt eine plakative private Situation, in der bei mir sofort eine ganze Maschine anspringt im Kopf, während mein Mann erst mal nur zur Kenntnis nimmt, dass heute keine Schule ist. Ich will damit nicht sagen, dass es ihn nicht interessiert, dass es den Kindern gut geht. Aber bei mir ist da automatisch mehr Weitsicht angeknipst.


Und beruflich stelle ich es immer wieder bei politischen Themen fest, dass Frauen weiter denken und mehr hinterfragen. Nehmen wir mal das Thema Klimaneutralität, also unsere Emissionen auf null bringen. Wenn dann Vorschläge kommen wie Tempolimit auf Autobahnen und weniger Inlandsflüge, frage ich sofort: Reicht das? Wie viel spart das wirklich ein? In welchem Zeitraum müssen wir das schaffen? Wer hält das nach? Wie tracken wir das? Was machen wir, wenn wir die Ziele verfehlen? Wer hebt dann die Hand und sagt „Sorry, wir sind noch nicht da, wo wir sein sollten.“ Auch auf die Gefahr hin, dass das dann als Scheitern gilt. Wofür man ja degradiert werden könnte oder gleich rausgeschmissen wird.


Ich glaube, dass diese Schonungslosigkeit, mit der Frauen Ziele erreichen wollen, aber eben auch die Hand heben, wenn sie im Verzug sind, schon eher weiblich ist. Das können wir besser als Männer. Männer vertuschen länger, gar nicht unbedingt, weil sie unlauter sind, sondern weil sie länger daran glauben, dass noch ein Wunder geschieht. Frauen rechnen da eher mit spitzem Bleistift und merken schnell: Das muss dann aber schon ein ganz schön großes Wunder werden.


Janine Steeger:

Aber sind Frauen dann nicht die Bremser?


Verena Pausder:

Wenn Du so willst, sind Frauen pessimistischer, sie sehen das Glas schneller halbleer, als halbvoll. Sie können „Dream Big“ vielleicht nicht so gut, auch, weil sie schnell das Gefühl haben, sich selbst zu überschätzen. Insgesamt trauen sie sich weniger zu und springen auch weniger hoch ab. Der Perfektionismus steht ihnen im Weg. Das ist ja auch die alte Diskussion. Ist Perfektionismus eine Stärke oder eine Schwäche? Aber die beiden Herangehensweisen zu verheiraten, das weibliche und das männliche Prinzip, das ist doch zielführend. Du brauchst die Person, die pusht und Du brauchst aber auch die Person, die aufpasst, dass nicht alle Bälle wieder runterfallen, die gerade in der Luft sind.


Janine Steeger:

Lass uns darüber sprechen, ob Frauen sich mehr kümmern als Männer…


Verena Pausder:

Absolut ja! Wir haben diese permanente „Geht es allen gut - Antenne“. Werde ich allen gerecht? Braucht einer gerade besondere Zuwendung? Habe ich meine Mutter schon oft genug angerufen diese Woche? Warum war meine beste Freundin so kurz angebunden, stimmt da was nicht, soll ich da noch mal nachhaken? Habe ich eigentlich einen Adventskalender für meine Schwiegermutter gekauft? Die schenkt uns allen immer einen. Das Kümmern ist eine sehr weibliche Eigenschaft. Wir fühlen uns halt verantwortlich.


Janine Steeger:

Ist es da nicht verständlich, dass wir uns mehr Wertschätzung erhoffen, auch in Bezug auf die Care-Arbeit, die überwiegend Frauen leisten?


Verena Pausder:

Ich glaube, wenn wir auf Wertschätzung warten, warten wir noch Jahrzehnte. Wir haben das ja zu Beginn der Pandemie gesehen. Da wurde Beifall geklatscht für die Pflegekräfte. Aber was haben die davon? Wir müssen Systeme entwickeln, durch die diejenigen, die Care Arbeit leisten, auch anständig bezahlt werden und vorsorgen können für ihre Rente. Sonst landen später insbesondere Frauen in der Altersarmut. Und das nur, weil sie sich ein ganzes Leben lang aufgeopfert haben. Die schlechte Bezahlung in der Pflege ist das eine. Das andere ist gar keine Bezahlung für all das, was Frauen im Privaten leisten. Kinder großziehen, Angehörige pflegen, sich um Freunde oder Nachbarn kümmern. Das sind eigentlich alles Jobs, die wir nicht entlohnen. Frauen absolvieren quasi ein soziales Leben, anstatt ein soziales Jahr. Das kann nicht sein.


Janine Steeger: Was sind Deine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen zu der These „Frauen sind leidensfähig und zäh“?


Verena Pausder:

Die Zahlen sagen, dass Frauen sich häufiger krankmelden als Männer. Ich würde aber tippen, dass es an den kranken Kindern liegt, für die Mütter sich mehr krankschreiben lassen, als die Väter. Bis sie sich selbst krankschreiben lassen, müssen Sie schon auf dem Zahnfleisch gehen. Weil sie wissen, das andere auf sie angewiesen sind. Als ich alleinerziehend war und die Jungs klein waren, da gab es ja auch nicht die Option sich in die Ecke zu legen und zu sagen: Ich kann jetzt nicht mehr. Frauen bleiben länger stehen, weil sie es als unfair empfinden, wenn sie schlapp machen und andere darunter leiden müssen.


Janine Steeger:

Was bringt uns das in Krisen?


Verena Pausder:

Das bringt uns viel Durchhaltevermögen. Bedeutet: Wenn nach drei Wochen immer noch kein Licht am Ende des Tunnels ist, dann machen wir trotzdem weiter. Meine Großmutter ist aus Ostpreußen geflüchtet, mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Bruder. Und sie war „Leader of the pack“. Ich habe immer das Bild vor Augen: Es war für sie eben keine Option am Wegesrand sitzen zu bleiben, weil alle wussten, dann erfrieren wir. Resilienz ist eine große Fähigkeit in Krisen, weil man eher bis zum Ende durchhält. Das hat aber natürlich auch die Gefahr, dass man zu weit geht und danach zusammenbricht. Das zeigt sich ja auch jetzt durch die Coronazeit. Es gibt ganz viele Nachwehen des Lockdowns und der Homeschoolingzeit. Auch Frauen haben nicht endlose Kräfte und gehen dann in solchen Situationen über rote Linien hinaus. Und irgendwann geht dann auch ihnen die Luft aus.


Janine Steeger:

Was bringt es uns, dass Frauen, bei allem was sie tun, empfindsamer sind?


Verena Pausder:

Empfindsamkeit und Empathie machen Dich als Mensch echter. Andere können und wollen sich dann gerne eine Scheibe von Dir abschneiden. Aus meiner Sicht ist jemand nur dann ein Vorbild oder ein Role Model, wenn ich auch diese menschliche Seite sehen darf. Alles andere wäre ein Roboter, to good to be true, ein Poster-Girl. Das guckst Du an, aber irgendwie findest Du keine Tiefe und keine Ecken und Kanten. Menschlichkeit, Sensibilität und Verletzlichkeit zu zeigen ist eine unfassbare Führungsstärke, weil Menschen am liebsten Menschen folgen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass meine Chefin oder mein Chef diese menschliche Seite zeigt, die eben in den Managementbüchern der Vergangenheit nicht als Vorteil vorkommt, dann sympathisiere ich mit ihm oder ihr. Und dann habe ich auch eher Lust die Extra-Meile zu gehen, wenn es mal wirklich um was geht. Ich glaube, das ist ein unentdecktes Potenzial für Führung und Wirtschaft, das noch vor uns liegt, das wir nutzen können. Wir wissen ja, dass 80 Prozent der Menschen innerlich gekündigt haben. Was, wenn die plötzlich alle ihre Vorgesetzten toll finden, so dass sie gerne für sie arbeiten?


Janine Steeger:

Frauen räumen auf und schaffen Ordnung. Das hat sich als These bestätigt. Unterschreibst Du das?


Verena Pausder:

Ja, total. Aber da bin ich mir nicht so sicher, ob das immer nur eine Stärke ist. Oft ist es auch hausgemachter Stress. Also ich putz die Küchenplatte auch noch zum dritten Mal ab, wenn sie längst sauber ist. Und ich räume auch die Gabel in die Spülmaschine, die mein Mann gerade beim Kochen benutzt hat und er muss sich dann eine neue nehmen. Aber im Beruflichen ist es eine große Stärke. Mein Schreibtisch ist immer clean desk. Mein E-Mail-Account ist immer am Ende des Tages leer. Ich habe jeden Termin auf dem Schirm, ich bereite mich auf alles vor. In meinem Umfeld und in meinem Kopf herrscht Ordnung und so kriege ich natürlich wahnsinnig viel hin, weil ich nicht alles drei mal in die Hand nehme. Wenn Ordnung zu einer Produktivitätssteigerung führt, ist es gut. Manchmal habe ich aber das Gefühl, wir laden uns unnötig viel Komplexität auf und wollen dann dafür auch noch gelobt werden, obwohl das weniger Komplexe die anderen gar nicht gestört hätte. Und da müssen wir dann ehrlich sein, dass wir manchmal eher für uns selbst Ordnung schaffen, als für andere.


Janine Steeger: Was bringt uns das berufliche Ordnung schaffen für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf?


Verena Pausder:

Ich beobachte das insbesondere bei Müttern, dass sie den Männern da voraus sind. Die wissen, wenn Sie im Job sind, dass sie einen harten Anschlag haben, die müssen irgendwann nach Hause und rattern einfach durch und arbeiten effizient ab. Da hat alles Struktur und System. Anders ist das nicht zu schaffen. Daraus können wir viel lernen. Für effizientere Meetings beispielsweise. Dann hätten wir alle mehr Möglichkeiten auch Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

 

Anekdote von Janine

Das männliche Prinzip ist aktuell der Maßstab. Daraus darf aber nicht resultieren, dass wir Frauen uns diesem Maßstab angleichen. Wir sollten neue setzen.


Bei der herCAREER gebe ich ein Medientraining für interessierte Frauen. Eine der Teilnehmerinnen fragt mich plötzlich, wie sie es anstellen kann, ihre Punkte, die sie in den rein männlichen Sitzungen ansprechen will, mehr auszuschmücken, länger darüber zu sprechen? Ich frage sie, warum sie das machen möchte. Ihre Antwort: Die Männer haben so viel mehr Redeanteil. Die reden immer so lange und viele sagen auch das gleiche. Ich möchte meinen Redeanteil erhöhen.


„Das ist keine gute Idee“ platzt es aus mir heraus. Zwar verstehe ich das Bedürfnis, aber wir werden Meetings nicht effizienter gestalten, wenn wir uns dem teilweise unerträglichen und selbstdarstellerischen Geschwafel der Männer anpassen. Mein Mann sagt immer, dass er das ganz schlimm in der Politik erlebt hat. Frei nach dem Motto: Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.


Ich rate der Frau bei ihren knackigen Beiträgen zu bleiben und in der Zukunft eher charmant die Männer darauf hinzuweisen, dass sie jetzt doch schon sehr lange nicht vom Fleck kommen. Helfen kann hier natürlich auch neue Gesprächsregeln einzuführen. Eine Maximaldauer von Meetings benennen, eine maximale Anzahl an Wortmeldungen, dass nur wirklich neue Punkte oder Entwicklungen angesprochen werden dürfen. Und - immer gut: Meetings im Stehen abhalten.

 

Janine Steeger:

Empfindest Du Frauen als kreativer, wenn sie ihre Themen und Ideen durchsetzen wollen?


Verena Pausder:

Frauen sind in der Lage das Ego hintenan zu stellen und die Sache in den Vordergrund zu rücken. Und wenn sie dann kreativ werden, um der Sache zu dienen, ist das eine unglaubliche Stärke. Das führt dann zu solchen Situationen, dass Frauen Projektverantwortlich sind, der männliche Vorgesetzte aber den Preis abholt und die Lorbeeren einheimst. Das sollte nicht zur Regel werden. Völlig zu Recht beschweren wir uns über den Gender Pay Gap, und dass wir bei Beförderungen seltener berücksichtigt werden. Um das zu verändern, brauchen wir mehr Sichtbarkeit. Wir müssen mit unseren guten Ideen ins Licht treten und dürfen uns nicht dauerhaft im Sinne der Sache im Schatten verkriechen. Wir gehören viel öfter auch in die erste Reihe.


Janine Steeger:

Warum Frauen die Welt retten werden, ist der Titel unseres Buches. Welche der weiblichen Stärken hältst Du für am wichtigsten für die Weltrettung?


Verena Pausder:

Dass wir in komplexen Zusammenhängen denken und das Kümmern. Zum komplexen Denken: Wir können zwar ständig versuchen Themen einfach aufzubereiten, in immer mehr Schlagzeilen denken, und immer weniger Inhalt liefern. Aber die Komplexität wird dadurch nicht weggehen. Wir verniedlichen sie nur. Und auch das Multitasking, das daraus resultiert, immer mehrere Töpfe im Blick zu haben, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu verstehen, das ist aus meiner Sicht eine große Stärke, die extrem wichtig ist für die Transformation. Ich kann nicht nur Klimaschutz im Blick haben und dabei die Frage der Arbeitsplätze außer Acht lassen. Ich kann nicht nur Digitalisierung vorantreiben und mich dann wundern, dass die Kinder alle Smartphone-süchtig sind. Ich muss immer mehrere Sachen zusammen denken.


Und das Kümmern wird unsere Gesellschaft zusammenhalten. Wir dürfen kein Volk von Egomanen werden, in dem alle alleine mit ihren technischen Endgeräten glauben glücklich sein zu können. Da findet keine menschliche Interaktion mehr statt. Wir verkümmern sozial. Ich schreibe darüber auch in meinem Buch. Es funktioniert nicht, wenn alle Cocooning betreiben, sich abkapseln. Es ist schon gut zu wissen: Wer wohnt nebenan, wer braucht gerade meine Unterstützung.


 

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